Ich habe meine erste Liebe aus jedem Foto herausgeschnitten – 20 Jahre später stellte mir meine Tochter jemanden vor, der ihm zum Verwechseln ähnlich sah.
"Ich tu nicht."
„Er sah aus, als hätte ihn jemand geschlagen.“
Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Also wechselte ich das Thema und beendete das Gespräch ein paar Minuten später.
Leider löste das Beenden des Gesprächs das Problem nicht, denn jetzt wusste ich etwas. Jack hatte das Foto gesehen und wusste, dass es mich gab.
Wieder.
Die ganze nächste Woche dachte ich öfter an ihn, als ich zugeben wollte. Nicht romantisch. Nicht nostalgisch. Einfach nur neugierig. Als wäre ein Puzzle, das ich vor Jahren gelöst glaubte, plötzlich auseinandergefallen.
Dann hat Maddy mich verraten.
So habe ich es zumindest beschrieben.
Sie rief eines Abends an und verkündete beiläufig: „Ich habe Papa deine Nummer gegeben.“
Mir wäre beinahe das Handy aus der Hand gefallen. „Wie bitte?“
"Ach, entspann dich."
"Maddy."
„Er hatte nicht vor, dich zu stalken.“
„Das hilft nicht.“
Sie lachte und legte auf, bevor ich richtig widersprechen konnte.
Zwei Tage später klingelte mein Telefon. Es war eine unbekannte Nummer. Ich hätte den Anruf beinahe ignoriert.
Fast.
Stattdessen antwortete ich: „Hallo?“
Stille. Nicht die Stille der leblosen Luft, sondern die Stille des Atmens.
Dann: „Audrey?“
Einen Moment lang brachte ich kein Wort heraus, denn manche Stimmen verändern sich. Manche nicht. Jacks Stimme war gealtert. Sie war etwas tiefer geworden, aber es war immer noch Jack.
Zwanzig Jahre verflogen in einem einzigen Wort.
Ich schloss die Augen. „Hallo, Jack.“
Wieder Stille. Keiner von uns schien zu wissen, wie er anfangen sollte. Schließlich lachte er leise. „Ich hatte eine ganze Rede vorbereitet.“
"Wie ist das ausgegangen?"
"Schrecklich."
Wider Willen musste ich lächeln.
Das Gespräch war anfangs etwas unbeholfen. Zwei Fremde, die versuchten, Erinnerungen verschiedener Menschen zu verarbeiten. Wir sprachen über Maddy, Miles, die Arbeit und den Ruhestand. Unkomplizierte Themen.
Und dann erschien schließlich das Foto. Genau wie ich es gewusst hatte.
„Du hast sie behalten.“ Die Worte entfuhren mir, bevor ich sie aufhalten konnte.
Jack schwieg einige Sekunden lang. „Ja.“
"Warum?"
Ich hatte erwartet, dass er sofort antworten würde. Er tat es nicht. Als er schließlich sprach, klang seine Stimme anders. Leiser. „Ich weiß es nicht.“
Ich habe ihm nicht geglaubt.
Er lachte. „Okay. Das stimmt nicht.“
"NEIN."
„Weil ich es nie übers Herz gebracht habe, sie wegzuwerfen.“ Er hielt inne. „Jedes Mal, wenn ich es versucht habe, fühlte es sich an, als würde ich eine Frage wegwerfen, die nie beantwortet wurde.“
Unerwartet schnürte sich mir die Brust zusammen.
Wir beide schwiegen einen Moment lang.
Dann stellte ich die Frage, die seit Beginn des Gesprächs zwischen uns gestanden hatte.
"Warum bist du nicht gekommen?"
Stille. Diesmal länger. Verwirrte Stille. Keine schuldbewusste Stille.
Verwirrt.
Als Jack endlich sprach, hatte sich seine Stimme völlig verändert. „Was?“
„Das Café.“ Ich starrte aus dem Fenster. „Vor zwanzig Jahren.“
Immer noch Stille. Dann: „Audrey …“
Ein seltsames Gefühl beschlich mich im Magen. So ein Gefühl, das vor schlechten Nachrichten kommt. Oder vor wichtigen Nachrichten.
"Ich war dort."
Alles in mir erstarrte. „Was?“
"Ich war dort."
Ich lachte. Ein kurzes, ungläubiges Geräusch. „Nein.“
"Das war ich."
„Jack, ich saß da drei Stunden lang.“
„Ich auch.“
"Welcher Tag?"
Stille. Dann: „Samstag, 12. Juni.“
Mir stockte der Atem. „Jack…“
Wieder eine Pause. Dann hörte ich es geschehen. Genau in dem Moment, als er es begriff.
"NEIN."
Ich schloss die Augen, denn mein Date war der fünfte Juni gewesen.
