TEIL 1
Ich kannte Dorothy fast mein ganzes Leben lang, deshalb versuchte ich, mich nicht einzumischen, als ein junger Fremder anfing, sie jeden Tag zu besuchen.
Dorothy war dreiundachtzig und wohnte schon nebenan, seit ich noch nicht geboren war. Nach dem Tod ihres Mannes wurde sie mehr als nur eine Nachbarin. Sie war die Frau, die auf mich aufpasste, wenn meine Mutter lange arbeiten musste, mir Käsetoast machte, wenn ich das Abendessen verweigerte, und bei Gewittern neben mir saß.
Als ich älter wurde, veränderten sich unsere Rollen. Ich brachte Lebensmittel, putzte die Zimmer, mit denen sie Schwierigkeiten hatte, trug ihre Wäsche und sah mehrmals pro Woche nach ihr.
Unser Alltag setzte sich bis zu einem Dienstagabend fort.
Ich kam mit Brot, Obst und ihrem Lieblingstee, aber Dorothy öffnete die Tür nur halb. Ihr graues Haar war sorgfältig gekämmt, und ihr Gesichtsausdruck hatte eine seltsame Leuchtkraft.
„Du brauchst mich nicht mehr zu besuchen“, sagte sie. „Ich habe jetzt Alex.“
„Wer ist Alex?“
„Er ist Lieferfahrer. Er brachte mir ein Paket, und wir verliebten uns.“
Ich wartete darauf, dass sie lachte, aber sie blieb ernst. Bevor ich noch etwas fragen konnte, nahm sie die Einkäufe und schloss die Tür.
Zwei Tage später sah ich Alex ihr Haus verlassen.
Er sah kaum zwanzig aus, trug verwaschene Jeans und abgetragene Turnschuhe. Als er mich sah, sagte er: „Du musst Greta sein.“ Dass er meinen Namen kannte, beunruhigte mich.
In den folgenden zwei Wochen verschwand Dorothy spurlos. Sie holte ihre Post nicht mehr ab und ging nicht mehr ans Telefon. Alex kam und ging fast täglich, manchmal übernachtete er sogar. Bald sah ich ihn, wie er ihre Tür mit seinem eigenen Schlüssel aufschloss.
Immer wenn ich Dorothy anrief, erhielt ich die gleiche Nachricht:
„Mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen um mich.“
Das klang nicht nach ihr. Dorothy schrieb gewöhnlich lange Nachrichten voller Ratschläge und unnötiger Details. Diese Antworten waren identisch und wirkten unnatürlich.
Dann wurde ein für Dorothy bestimmtes Paket auf meiner Veranda abgeliefert.
Ich trug es zur Nachbartür und klopfte wiederholt.
Keine Antwort.
Ich rief ihren Namen.
Schweigen.
Ich holte den Notfallschlüssel, den sie mir Jahre zuvor gegeben hatte, und trat ein.
Das Haus war blitzsauber – zu blitzsauber. Alles wirkte ordentlich aufgeräumt und unberührt.
Weder Dorothy noch Alex waren da.
Dann hörte ich ein leises Klopfen unter dem Fußboden.
Es kam aus dem Keller.
