Mit 55 bekam ich von einem Mann, den ich online kennengelernt hatte, ein Ticket nach Griechenland geschenkt, aber ich war nicht diejenige, die ankam – Geschichte des Tages
Ich beugte mich näher. Ein stilles Lächeln. Im Hintergrund ein kleines Steinhaus mit blauen Fensterläden. Ein Garten. Olivenbäume.
„Er scheint nach Oliven und ruhigen Morgenstunden zu riechen“, sagte ich.
„Ooooh“, grinste Rosemary. „Und er hat dir ZUERST geschrieben!“

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Pexels
"Hat er das getan?"
Sie klickte. Seine Nachrichten waren kurz. Keine Emojis. Keine Ausrufezeichen. Aber herzlich. Bodenständig. Authentisch. Er erzählte mir von seinem Garten, dem Meer, vom Backen von frischem Rosmarinbrot und vom Salzen aus den Felsen.
Und am dritten Tag... schrieb er:
„Ich würde dich sehr gerne zu einem Besuch einladen, Martha. Hier auf Paros.“

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Midjourney
Ich starrte nur auf den Bildschirm. Mein Herz pochte wie seit Jahren nicht mehr.
Bin ich noch am Leben, wenn ich wieder Angst vor der Romantik habe? Könnte ich meine kleine Festung wirklich verlassen? Für einen Mann mit Olivenzweigen?
Ich brauchte Rosemary. Also rief ich sie an.
„Heute Abend gibt es Abendessen. Bring Pizza mit. Und was auch immer deine furchtlose Energie ausmacht.“

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Pexels
***
„Das ist Karma!“, rief Rosemary. „Ich habe sechs Monate lang Dating-Seiten durchwühlt wie eine Archäologin mit einer Schaufel, und du – zack! – hast schon ein Ticket nach Griechenland!“
„Das ist kein Strafzettel. Das ist nur eine Nachricht.“
„Von einem Griechen. Der Olivenbäume besitzt. Das ist im Grunde ein Nicholas-Sparks-Roman in Sandalen.“

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Midjourney
„Rosemary, ich kann doch nicht einfach so abhauen. Das ist kein Ausflug zu IKEA. Das ist ein Mann. In einem fremden Land. Er könnte genauso gut ein Bot von Pinterest sein, wer weiß.“
Rosemary verdrehte die Augen. „Seien wir klug. Frag ihn nach Fotos – von seinem Garten, der Aussicht von seinem Haus, ist mir egal. Wenn er ein Blender ist, wird man es merken.“
"Und wenn er es nicht ist?"

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Pexels
„Dann packst du deine Badesachen ein und fliegst.“
Ich lachte, schrieb ihm aber trotzdem. Er antwortete innerhalb einer Stunde. Die Fotos kamen wie eine sanfte Brise.
Das erste Bild zeigte einen gewundenen, mit Lavendel gesäumten Steinpfad. Das zweite einen kleinen Esel mit verschlafenen Augen. Das dritte ein weißgetünchtes Haus mit blauen Fensterläden und einem verblichenen grünen Stuhl.
Und dann… ein letztes Foto. Ein Flugticket. Mein Name darauf. Flug in vier Tagen.

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Midjourney
Ich starrte auf den Bildschirm, als wäre es ein Zaubertrick. Ich blinzelte zweimal. Immer noch da.
"Passiert das wirklich? Ist das tatsächlich... real?"
"Lass mich mal sehen! Oh Gott! Natürlich, echt, du Dummkopf! Pack deine Koffer", rief Rosemary aus.
"Nein. Nein. Ich gehe nicht. In meinem Alter? In die Arme eines Fremden fliegen? So landen die Leute doch nur in Dokumentarfilmen!"

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Midjourney
Rosemary sagte zunächst nichts. Sie kaute einfach weiter auf ihrer Pizza.
Dann seufzte sie. „Okay. Ich verstehe. Es ist viel.“
Ich nickte und umarmte mich selbst.
***
In jener Nacht, nachdem sie gegangen war, lag ich zusammengerollt auf dem Sofa unter meiner Lieblingsdecke, als mein Handy vibrierte.
Nachricht von Rosemary: „Stell dir vor! Ich habe auch eine Einladung bekommen! Ich fliege zu meiner Jean nach Bordeaux. Juhu!“

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Midjourney
„Jean?“ Ich runzelte die Stirn. „Sie hat Jean mit keinem Wort erwähnt.“
Ich starrte lange auf die Nachricht.
Dann stand ich auf, ging zu meinem Schreibtisch und öffnete die Dating-Seite. Ich verspürte ein unwiderstehliches Verlangen, ihm zu schreiben, ihm zu danken und seinen Vorschlag anzunehmen. Doch der Bildschirm war leer.
Sein Profil – weg. Unsere Nachrichten – weg. Alles – weg.

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Pexels
Er muss seinen Account gelöscht haben. Wahrscheinlich dachte er, ich hätte den Kontakt abgebrochen. Aber ich hatte die Adresse noch. Er hatte sie in einer der ersten Nachrichten geschickt. Ich hatte sie auf die Rückseite eines Kassenbons gekritzelt.
Außerdem hatte ich das Foto. Und das Flugticket.
Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht ich – wer dann?
Ich ging in die Küche, goss mir eine Tasse Tee ein und flüsterte in die Nacht hinein.
"Scheiß drauf. Ich fahre nach Griechenland."

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Pexels
***
Als ich in Paros von der Fähre stieg, traf mich die Sonne wie ein sanfter, warmer Klaps.
Die Luft roch anders. Nicht wie zu Hause. Dort war sie salziger. Wilder. Ich zog meinen kleinen Koffer hinter mir her – er polterte wie ein störrisches Kind, das sich weigerte, auf Abenteuerreise mitgeschleppt zu werden.
Früher lagen verschlafene Katzen auf Fensterbänken, als hätten sie die Insel jahrhundertelang beherrscht. Früher fegten Großmütter mit schwarzen Kopftüchern ihre Haustreppen.

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Pexels
Ich folgte dem blauen Punkt auf meinem Handybildschirm. Mein Herz hämmerte wie seit Jahren nicht mehr.
Was, wenn er gar nicht da ist? Was, wenn das alles nur ein seltsamer Traum ist und ich vor dem Haus eines Fremden in Griechenland stehe?
Ich blieb am Tor stehen. Tief durchatmen. Schultern zurück. Meine Finger schwebten über der Klingel. Ding. Die Tür quietschte auf.
Moment mal... Was?! Das gibt's doch nicht! Rosmarin!

Nur zur Veranschaulichung | Quelle: Pexels
Barfuß. In einem fließenden weißen Kleid. Ihr Lippenstift war frisch geschminkt. Ihr Haar fiel in sanfte Wellen. Sie sah aus wie eine lebendig gewordene Joghurtwerbung.
„Rosemary? Solltest du nicht in Frankreich sein?“
Sie legte den Kopf schief wie eine neugierige Katze.
